Vom Loslassen und Festhalten

Gerade zum Jahresende, der Zeit dazwischen, zwischen dem alten Jahr und dem Neuen, ist Loslassen ein großes Thema. Angst, Groll, Wut, Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche, die Vergangenheit, verschiedene Sorten von Gedanken (negative, neidisch, gemein), verschiedene Sorten von Menschen (negative, neidische, gemeine, außerdem Familienmitglieder, Ex-Partner, Freunde und Verwandte) und die Liebe sowieso. Alles was man eben nicht ins neue Jahr mitnehmen möchte.

Ich räume meine Schränke auf,
alle anderen ihr Inneres? 


Emotional baggage – emotionales Gepäck, die Last, der man sich entledigen muss. Als seien wir Reisende, jederzeit bereit aufzubrechen.
Auch wir Yogalehrer predigen immer vom Loslassen, in den Asanas wie auch im Leben. Mit dem Ziel: Entleerung, Reinigung, Befreiung, Platz schaffen für Neues.  

Doch wann lohnt es sich auch mal Festzuhalten? Was ist beispielsweise mit Nelson Mandela, Mama Africa, Greta Thunberg oder allen anderen, die gekämpft haben mit Anliegen, die sie buchstäblich nicht loslassen. Wäre die Welt ein bessere Ort, wenn sie loslassen würden? 

Wann hast du das letzte Mal wirklich für etwas gekämpft? Obwohl die Aussicht auf Erfolg gering war, oder vielleicht gerade dann erst richtig losgelegt?

In unserer Welt etabliert sich eine Hierarchisierung der Bedürfnisse. Dabei wird jede Form von Abhängigkeit als minderwertig und armselig verbucht. Autonomie und Unabhängigkeit werden gefeiert, es entsteht geradezu ein Freiheitsfetischismus. Es stechen die Menschen heraus, die nicht jedes Jahr um die Welt reisen, schon in zahlreichen Städten gelebt und gearbeitet haben, sondern die, die in ihrem Heimatort bleiben und zufrieden sind. Ein Single ist quasi der perfekte Loslassenkönner, als Arbeitnehmer und auch Kunde ist er ortsunabhängig, flexibel, genussorientiert und überstundenfreudig. Früher eher bemitleidet. 

Ein weiteres Ideal unserer Zeit ist auch ein emotionaler Selbstversorger zu sein, also niemanden zu brauchen, nach dem Motto du bist selbst deines Glückes Schmied. So glauben wir Menschen heute, das Loslassen diene unserem Seelenheil. Wenn es uns schwerfällt, müssen wir nur stärker an uns arbeiten. 

Jeder Fünfte wohnt in Deutschland alleine. 12 Millionen Tinder Matches pro Tag. Wieviel individueller soll es noch werden? Wäre die Fähigkeit, Beziehungen zu führen, unter Umständen zu reparieren und zu erhalten, nicht viel wichtiger? Wo sind die Yoga-Lehrer, die das Festhalten lehren? 

Wir sind Beziehungsmenschen, quasi Rudeltiere, von klein auf versessen und abhängig von Bindung, immer auf der Suche nach Resonanz. 

Wie wäre es also, wenn man all die Briefe, all die Gedanken, all die Gefühle, die man sich selbst verbietet, mal tatsächlich abschickt und rauslässt. Den 26sten Versuch eines klärenden Gesprächs, auch wenn alle zuvor gescheitert sind. 

Ich denke etwas mehr Ehrlichkeit und Authentizität tut immer gut. Die Frage ist nur, wie es beim anderen ankommt. Ob dieser oder diese auch bereit dafür ist, zu empfangen. Loslassen ist nicht immer ein Zeichen von Stärke, sondern manchmal auch ein Akt der Feigheit und Schwäche. Und ebenso auch alle Ausreden, die uns einfallen, um den Weg des geringeren Widerstands zu gehen, also einfach Klappe zu (oder Match auflösen) und weiter. 

 

Es gibt jedoch für alles eine gesunde Grenze. Weder das ewige Loslassen noch das ewige Festhalten sind sinnvoll. Man muss weise entscheiden was und wen man loslässt und an wem man festhält. Diese Entscheidung wird für immer die schwierigste bleiben.



Überinterpretiere diesen Text nicht.
Nimm ihn an, lass es wirken und versuche dir öfter selbst die Frage zu stellen:
Immer nur Loslassen oder auch mal Festhalten?

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